MICHAEL-Preis – Preisträger 1997

Der Michael-Preis 1997

Der Michael-Preis 1997 wurde verliehen an

 

Humboldt-Universität Berlin
Neurologische Klinik, Campus Virchow

Berlin (Deutschland)

 

Dr. Thomas Sander

Humboldt-Universität Berlin
Neurologische Klinik, Campus Virchow

Berlin (Deutschland)

 

Dr. Gertrud Beck-Mannagetta †

Institut für Humangenetik
Universität Bonn

Bonn (Deutschland)

 

Prof. Dr. Ortrud Steinlein

Der Michael-Preis 1997 wurde vergeben an zwei Arbeitsgruppen, eine an der Humboldt-Universität in Berlin und eine an der Universität Bonn, die bedeutsame Forschungen auf dem Gebiet der Vererbung von Epilepsie (Epilepsie-Genetik) vorgelegt haben:

Dr. Thomas Sander, Berlin (Deutschland)

Dr. Gertrud Beck-Mannagetta, Berlin (Deutschland)

PD Dr. Ortrud Steinlein, Bonn (Deutschland)

Laudatio

Dr. Thomas Sander und Dr. Gertrud Beck-Managetta, Neurologische Klinik, Campus Virchow, Humboldt-Universität zu Berlin.

Unter den mit epileptischen Anfällen einhergehenden Erkrankungen haben viele eine genetische Komponente. Es wird vermutet, dass mehrere multiplikative Gene Anteile an der Entstehung dieser Erkrankungen haben. Die Identifikation und Gen-Lokalisation einer individuellen Empfänglichkeit für Epilepsie ist extrem schwierig. Voraussetzungen sind zunächst sehr differenzierte Analysen klinischer Phänomene und zahlreiche Verlaufsuntersuchungen, um syndromatisch repräsentative Indexfälle und Multiplexfamilien auszusuchen, in denen Kopplungs-Analysen und Assoziationsuntersuchungen mit Kandidaten-Genen sinnvoll angewandt werden. Thomas Sander und die verstorbene Gertrud Beck-Managetta machten es durch ihre kontinuierlichen und langjährigen Untersuchungen innerhalb der Berliner Arbeitsgruppe für Epilepsieforschung möglich, einen Suzeptibilitäts-Locus für die Juvenile Myoklonische Epilepsie näher einzugrenzen. Sie vermuten ihn innerhalb der HLA-Region auf dem kurzen Arm des Chromosom 6. Doch ergaben sich auch Hinweise auf eine genetische Heterogeneität und auf eine mögliche ethnische Variabilität.

 

PD Dr. Ortrud K. Steinlein, Institut für Humangenetik, Universität Bonn.

Im Gegensatz zu den relativ häufigen von der Berliner Arbeitsgruppe untersuchten idiopathisch generalisierten Epilepsien, die einen komplexgenetischen Vererbungsmodus haben, gibt es selten auch einige monogenetisch vererbte Epilepsien wie zum Beispiel die im Kindesalter beginnende Nächtliche Frontallappen-Epilepsie. Ortrud K. Steinlein und ihren Mitarbeitern gelang es, die zugrunde liegende genetische Störung auf dem Chromosom 20q 13,2 bis q 13,3 zu lokalisieren. Hier ist auch die alpha 4 Untereinheit des Nikotinacetylcholin-Rezeptors zu finden, die in allen Schichten des frontalen Cortex exprimiert wird. Bei allen erkrankten Mitgliedern einer grossen australischen Sippe, aber nicht bei gesunden Kontrollpersonen, wurde eine Nonsense-Mutation gefunden, die Serin durch Phenyalalnin bei Kodon 248 in der 2. Transmembran-Domäne ersetzt. Die Nächtliche Frontallappen-Epilepsie ist damit die erste idiopathische Epilepsie, deren genetische Störung entschlüsselt werden konnte.

Die Jury urteilte, dass das Ergebnis der Arbeitsgruppe Steinlein, die an einem monogenetischen Modell die verantwortliche Mutation für die nächtliche Frontallappenepilepsie bestimmen konnte zweifellos eine uneingeschränkt preiswürdige Leistung darstellt. Eine weitaus schwierigere Aufgabe habe sich die Arbeitsgruppe Sander gestellt, die an einem polygenetischen Modell die idiopathischen generalisierten Epilepsien des Kindes- und Jugendalters analysiert. Ob die Hypothesen und die vorläufigen Ergebnisse zutreffen und ob wirklich disponierende Gene gefunden wurden, liess die Jury offen. Wichtig erschien ihr, diese schwierige und vielleicht oft undankbare Arbeit zu unterstützen und damit auch alle diejenigen zu ermutigen, die einen zunächst unübersehbaren Ansatz wählen.